Berichte

Schreiben

von Maria Adler, Dezember 2009

“Schule — und was dann?” steht auf dem Rücken eines Ordners, den ich mit Beginn meiner Altersteilzeit am 1.2.2007 angelegt habe, um Ideen zu sammeln für die “Zeit danach”.
Die “Zeit danach” begann am 10.7.09.
In den Ordner habe ich nicht wieder reingeschaut.
Vieles ergibt sich.
Im Sommer schickt mir Anneliese Wohn vom Referat 3./4. Lebensalter des Bistums Limburg einen Flyer zu einer Veranstaltungsreihe mit dem Thema “Damit es nicht verloren geht – Wie schreibe ich meine Lebenserinnerungen?” Drei Termine im Exerzitien- und Bildungshaus in Hofheim.
Meine Lebenserinnerungen will ich nicht schreiben, aber an den im Programm angekündigten Schreibtechniken bin ich sehr interessiert.
Ein Mal im Jahr schreibe ich den Bericht zu unserer alljährlichen Herbstwanderung für die Vereinszeitung der Rüsselsheimer Naturfreunde.
Für einige Jahre verfasste ich den Jahresbericht meines Kirchenchores für den ökumenischen Gemeindebrief.
Immer habe ich das Problem, dass ich keinen rechten Anfang, keine Struktur, keinen Rahmen finde. Und wenn ich angefangen habe, dann kann ich nicht mehr aufhören, vor lauter Angst, alles was genau jetzt in meinem Kopf ist, wieder zu vergessen, obwohl genau das in den Bericht muss.
Das kann ja nur besser werden.
Der erste Termin naht und von Tag zu Tag wird mir klarer, dass es für mich die falsche Veranstaltung ist. Ich will keine Biografie schreiben; was soll das denn eigentlich? Wo kommen wir denn hin, wenn jede und jeder über sich selbst ein Buch verfasst?
Der erste Tag verläuft ganz anders.
Kein Mensch erwartet von mir, dass ich ein Buch schreibe, ich bekomme mehr systematische Anregungen, als ich mir vorstellen konnte und schreiben darf ich, was ich will, weil alles was ich schreibe mit mir zu tun hat und deshalb – wenn ich das richtig verstanden habe – automatisch biografisch ist.
Genau deshalb darf ich übrigens den Jahresbericht meines Chores nicht mehr abfassen. Der Vorstand hat entschieden: “Du schreibst immer so sehr aus deiner Sicht.” Aus der Sicht von jemand anderem kann ich (noch?) nicht schreiben. Ehrlich gesagt bin ich mir nicht einmal sicher, ob das erstrebenswert ist.
Die mitschreibenden Menschen gefallen mir sehr gut und der Referent auch.
Mit meinen Texten verheddere ich mich; allerdings bin ich fasziniert, wie sich aus dieser Ideentraube eine Szene an die andere fügt.
Hausaufgaben – und siehe da: Es geht.
Ich kann nicht nur schreiben nach einer Eingebung bzw. wenn mich die Muse geküsst hat; ich kann schreiben, wann ich will.
Es macht mir Spaß. (Wenn ich’s genau nehme, besteht mein ganzes Leben, der Alltag, alles um mich herum aus Geschichten.)
Beim zweiten Termin beginnen wir mit einem Elfchen. Dann werden die Hausaufgaben besprochen – nein, vorgelesen.
Weitere Unsicherheiten zerschlagen sich.
Ich darf kurze Texte schreiben, ich darf in Gegenwart schreiben, ich darf schreiben, was und wie ich es erlebt habe.
In den folgenden Wochen verändert sich meine Sichtweise auf das Leben und die Welt. Immer häufiger notiere ich eine Szene, ein Gespräch, ein Vorkommnis auf eine Zettel, um irgendwann später eine Geschichte daraus zu machen.
Es macht Spaß, zu schreiben – ich freue mich riesig, so schnell fündig geworden zu sein auf meiner Suche, nach der Schule etwas “Vernünftiges” zu machen.
Einen Baustein habe ich gefunden!
Und das Besondere am Schreiben: Ich kann es alleine machen, ohne mich einsam zu fühlen; ich kann es weitergeben – dann haben andere auch etwas davon. Und wenn ich Glück habe, bekomme ich positive Rückmeldung: “Ich wollt dich noch ‘mal anrufen wegen deinem Text für’s ‘Blättchen’ über die Wanderung. Der ist richtig schön geworden.”
Der letzte Termin.
Das ist ja echt wieder spannend. Auf einfachste Weise gelingt es, mir über mein Geschichtenchaos einen Überblick zu verschaffen.
Gerne würde ich weitermachen.
Der Austausch ist mir ganz wichtig.
Wir haben über unsere Texte sehr viel voneinander erfahren.
Mal sehen, was noch kommt.